Brauereigeschichte-(n)

Blick ins Sudhaus des 1966 aufgelassenen Turmbräu Mühldorf

Intro

An dieser Stelle möchte ich in unregelmäßigen Abständen Beiträge zum Thema Bier, Geschichte des Bieres, und zur Geschichte der zahlreichen Brauereien, die es früher in unserer Gegend gegeben hat, veröffentlichen. Mein Hauptaugenmerk liegt natürlich auf den Brauereien meiner Geburtsstadt Wasserburg und deren näherer Umgebung. Und ich verspreche Euch, Brauereigeschichte ist ein spannendes Thema. Und in unserer schnelllebigen Zeit ist die Spurensuche manchmal nicht ganz einfach.

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Die 3 Brauereien, die sich „Baderbräu“ nennen

Von Edmund Ernst, März 2021

Lange Zeit dachten wir, dass Baderbräu Schnaitsee auf diesem Planeten, den wir Erde nennen, die einzige Brauerei wäre, die sich Baderbräu nennt. Aber da haben wir uns getäuscht! Wenn man bei der Internet-Suche nur den Suchbegriff „Baderbräu“ eingibt, landet man bald bei einem ganz anderen Baderbräu. Hier die kurz gefassten Geschichten:

1. Baderbräu Schnaitsee

Als wir im Jahre 2005 eine Brauerei am Baderweg Nr. 4 in Schnaitsee gründen wollten, standen verschiedene Namen für diese Brauerei im Raum. Wir haben uns für Baderbräu entschieden, denn in dem Gebäude ist mindestens seit dem Jahr 1532 der Bader ansässig gewesen und hat hier sein Gewerbe und ein Bad betrieben. Der Bader war damals nicht nur Friseur und Bademeister, sondern auch Mediziner. Und damit überschneiden sich die Tätigkeiten eines Baders mit denen einer Brauerei: Beide arbeiten für das körperliche und seelische Wohl ihrer Klienten.

2 Krüge – 2 Baderbräus: Schnaitsee und Chicago

2. Baderbräu Chicago

1988 von einem Tschechen namens Pavichevich als Craftbierbrauerei in Elmhurst, einem Vorort von Chicago gegründet, hat es das Baderbräu Chicago nach einem Konkurs in den 1990er Jahren unter dem Investor Rob Sama zu beachtlicher Größe geschafft. Berühmt wurde es mit seinem Pils nach tschechischer Art. Aber der Wettbewerb ist auch in den Vereinigten Staaten hart. Anscheinend wurde Baderbräu Chicago im Jahr 2018 übernommen, aufgelöst und besteht nur mehr als Biermarke weiter. Die Web-site www.baderbrau.com ist nicht mehr am Netz.

3. Baderbräu Lauterbach

zwischen Donauwörth und Dillingen, nördlich von Augsburg liegt der Ort Buttenwiesen, und in dessen Gemeindeteil Lauterbach ist auch heute noch eine Brauerei, die Privatbrauerei Ehnle, früher besser bekannt als die Weizenbierbrauerei Lauterbach. Diese firmierte in den 1930er Jahren nach ihrem damaligen Besitzer, Georg Bader, als „Baderbräu Lauterbach“. Diese stellte auch ein so genanntes „Reformbier“ her. Wenn Sie sich jetzt fragen, was ein Reformbier denn ist, dann lesen Sie dies in einem der nächsten Beiträge.

Baderbräu Lauterbach mit seinem Reformweizenbier, Postkarte um 1925

Wasserburger Weissbierbrauereien

-ein kurzer Abriss über die Geschichte des Weißbiers in Bayern und die spezielle Geschichte der Weißbierbrauereien in Wasserburg am Inn-

Von Edmund Ernst, Februar 2021

1. Das Bayerische Reinheitsgebot als Weißbierverhinderungsgesetz

Schon viel ist geschrieben worden über die zahlreichen Wasserburger Bierbrauereien, wir sprechen hier von immerhin 16 Braustätten. Die meisten haben ihren Ursprung im 15. bis 17. Jahrhundert und brauten ihre Biere seit 1516 nach der in diesem Jahr vom Bayrischen Kurfürsten erlassenen Malzsteuerverordnung, dem heute so genannten „Reinheitsgebot“, – also reine Gerstenbiere. Die Verwendung von Weizenmalz war nach oben genannter Verordnung nicht erlaubt.

Wer jetzt glaubt, dass ab 1516 kein Weißbier mehr gebraut, verkauft und getrunken worden wäre, der täuscht sich! War doch Weißbier in dieser Zeit das edlere Bier, das einen höheren Preis hatte und deswegen hauptsächlich vom wohlhabenden Bürgertum getrunken wurde. Oft wird behauptet, dass dieses „Weißbierverhinderungsgesetz“ von 1516 dazu gedient haben soll, den Weizen als Brotgetreide für die Versorgung des Volks und die bayrischen Truppen zu erhalten, an statt ihn in Bier zu verwandeln. Aber das ist ein Irrglaube! Wie bei vielen Gesetzen, die erlassen werden, stehen auch beim sog. „Reinheitsgebot“ handfeste materielle Interessen im Hintergrund. Ein Beleg dafür, dass sich die Menschheit in Sachen Materialismus in den letzten Jahrhunderten nicht weiter entwickelt hat, oder anders ausgedrückt – dass die Alten auch nicht besser waren, als wir es heute sind.

1516: Die bayerische Staatskasse war klamm. Der Kurfürst suchte nach Möglichkeiten, die Kasse zu sanieren. Und so hat er Privilegien an verschiedene Brauhäuser vergeben, die dann Weißbier herstellen durften. Diese Lizenzen ließ er sich teuer bezahlen.

Mit dem Übergang des sogenannten bayerischen „Reinheitsgebots“ in das Reichsbiersteuergesetz anläßlich der Reichsgründung im Jahre 1871 erfuhr dieses eine grundlegende Erneuerung. War im bayerischen „Reinheitsgebot“ als Bierzutat „Gerste“ genannt, so wurde im Reichsbiersteuergesetz statt „Gerste“ das Wort „Malz“ verwendet. Und Malz ist ein allgemeiner Begriff, denn man kann alle Getreidearten vermälzen, so auch den Weizen. Dies war die Geburtsstunde der Weißbierbrauereien in Bayern.

2. Der Gründungsboom von Weißbierbrauereien nach 1871

In den Jahrzehnten nach 1871 setzte eine regelrechte Gründungswelle in fast allen bayerischen Städten und Märkten ein. Eine Unzahl kleiner und kleinster Weißbierbrauereien entstanden. Viele davon verschwanden so schnell, wie sie empor geschossen waren, oft schon nach wenigen Jahren wieder. Trinkt man heute das Weißbier einer reinen Weißbierbrauerei, so kann man auf dem Etikett häufig das Gründungsdatum der Brauerei lesen und das liegt meistens zwischen 1871 und 1930. Die Weißbierbrauereien hatten es damals nicht leicht, gegen die alt eingesessene Konkurrenz zu bestehen. Der Bierkonsument war auch damals schon sehr konservativ und so erreichte der Weißbierabsatz in den Anfangsjahrzehnten keine nennenswerten Zahlen. Erst ab den 1970er Jahren erlebte das Weißbier einen Absatzboom, der bis heute anhält.

3. Die Einführung des Flaschenbiers und die Flaschengärung beim Weißbier

Beflügelt wurde die Gründungswelle der Weißbierbrauereien auch durch die Einführung der Flaschenabfüllung gegen Ende des 19. Jahrhunderts:

Wenn wir uns jetzt kurz in das Jahr 1870 zurückversetzen – und abends, nach getanem Tageswerk ein Bier trinken wollten, so gab es damals zwei Möglichkeiten. Entweder man wäre in eine der zahlreichen Schankwirtschaften gegangen. Dort stand dann ein Fass am Tresen, aus dem das Bier in Gläser gezapft und ausgeschenkt wurde. Oder: Neben dem Tresen war meistens ein Mauerdurchbruch in den Hausgang, die so genannte Gassenschenke. Wer sein Bier zuhause trinken wollte, ging mit dem Krug zur Gassenschenke und ließ in füllen. Flaschenbier gab es nämlich nicht. Flaschenbier hat sich erst nach 1900 langsam durchgesetzt. Bis etwa 1900 war fast alles Bier Fassbier! Für die Herstellung von Flaschenbier ist eine aufwändigere Technik von Nöten, und die gab es damals noch nicht. Aber das ist ein eigenes Kapitel und wird ein andermal erörtert.

Tatsache ist, dass die Abfüllung von Weißbier in Flaschen den Weißbierbrauern ein ganz neues Produktfeld eröffnete: Das Hefeweißbier mit Flaschengärung! Vereinfacht erklärt, funktioniert das so: Füllt man das Weißbier nach der Hauptgärung in Flaschen ab, so findet in der Flasche die sog. Nachgärung und Reifung des Bieres statt. Die bei der Gärung entstehende Kohlensäure macht das Bier spritzig und erfrischend. Die sich absetzende Hefe kann man beim Einschenken aufschütteln und ins Glas geben. Die Flaschengärung ist auch heute noch Markenzeichen vieler Weißbierbrauer. Da Hefe für den menschlichen Körper sehr positive Eigenschaften besitzt, wurden Weißbiere damals oft sogar als eine Art Heilmittel vermarktet. In der Anfangszeit der Flaschenabfüllung wurden die Flaschen mit Korken verschlossen, der mit einem Drahtbügel gesichert war, ähnlich wie beim Sekt. Ab 1890 setzte sich langsam der Bügelverschluß durch, welcher 1886 patentiert wurde. Doch manche Weißbierbrauereien verwendeten bis in die 1920er Jahre Korkverschlußflaschen.

4. Die Wasserburger Weißbierbrauereien

Auch an Wasserburg ist der Gründungsboom der Weißbierbrauereien nicht vorbei gegangen. Mindestens zwei Weißbierbrauereien sind mir bisher bekannt. Das Kapitel ist noch weitgehend unerforscht. Die Quellen sind äußerst spärlich. Von den ehemaligen Besitzern leben keine Nachkommen mehr, die über die Brauereien Aufschluß geben könnten. Die Gebäude, in denen sich die Brauereien befanden, werden seit vielen Jahrzehnten anders genutzt, so dass auch darin heute nichts mehr erhalten ist, was auf eine Brauerei hindeutet. Das einzige handfeste Relikt einer Wasserburger Weißbierbrauerei ist eine alte Flasche mit der Aufschrift „Waizenbierbrauerei Wasserburg“. Sie kann derzeit keiner der Wasserburger Weißbierbrauereien zugeordnet werden. (Der Autor vermutet, dass die Flasche der Brauerei Friedlhuber zuzuordnen ist) Die Flasche, die sich im Besitz eines Sammlers befindet, hat einen Korkverschluß. Die Tatsache, dass das Wort „Waizen“ mit „ai“ geschrieben ist, deutet darauf hin, dass die Flasche in der Zeit vor oder kurz nach der Rechtschreibreform von 1901 entstanden sein muss, wahrscheinlich um 1890.

5. Erwähnungen von Weißbierbrauereien im Wasserburger Anzeiger (WA) und anderen Quellen

Die für mich wichtigste und zugänglichste Quelle zu den Wasserburger Weißbierbrauereien ist der Wasserburger Anzeiger (WA).

Simon Grein richtet eine Weißbierbrauerei in Wasserburg ein“ (Quelle: WA 1883, 22. 03.). Wo und ob er diese Weißbierbrauerei tatsächlich eingerichtet hat, ist unbekannt und sehr fraglich. (Simon Grein war Inhaber des gleichnamigen und bis 1966 bestehenden Greinbräus. Es war lange Jahre die größte Brauerei in Wasserburg, gelegen zwischen Kirchhofplatz und Ledererzeile. Die Mälzerei mit ihrem Darrekamin ist in ihren Umrissen heute noch erhalten und dient Wohnzwecken. Kurz vor der Betriebsaufgabe im Jahr 1966 ließ der Greinbräu eigene Weißbiergläser herstellen. Offenbar war geplant, selbst ein Weißbier zu produzieren. Auch dazu ist es nicht gekommen.)

Weißbierbrauerei Ignatz Friedlhuber – 1888, 1. 06. (WA): Alois Eberl kauft Haus Nr. 196, richtet Wirtschaft und Brauerei ein. (Quelle: WA Nr. 47 von 1888). Haus Nr. 196 war vorher Branntweiner Stecher und ist heute das Innkaufhaus. – 1890, 27. 08. (WA): Lorenz Eichner kauft Kaffeeschänke und Weißbierbrauerei von Eberl. (Quelle: WA Nr. 69 von 1890) – 1890, 22. 10. (WA): Joh. Nep. Grenzner kauft Weißbierbrauerei des Herrn Eichner. (Quelle: WA Nr. 85 von 1890) – 1891, 07. 02. (WA): genannt wird eine „Grenzner’sche Weißbierbrauerei“ – 1891, 02. 05. (WA): Ignatz Friedlhuber kauft Weißbierbrauerei in Wasserburg. (Quelle: WA Nr. 36 von 1891) – 1899, 16. 07. Ignatz Friedlhuber führt seine Weißbierbrauerei und Limonadenfabrik wieder selbst. (Quelle: WA Nr. 84 von 1899) – 1922, 11. 03. (WA): Weißbierbrauerei Friedlhuber an Herrn Karl Puchta von Wald an der Alz verkauft. (Quelle: WA Nr. 59 von 1922)

Aus Gesprächen ist mir bekannt, dass Ignatz Friedlhuber einen Sohn hatte, der die Brauerei weiter führen sollte, dies aber aufgrund einer Kriegsverletzung nicht konnte. Hiermit endet die Geschichte der Weißbierbrauerei Ignatz Friedlhuber. Das Gebäude in der Ledererzeile 1 wurde bald danach in ein Kino des hiesigen Kinobetreibers Reheis umgebaut, welches bis in die 1960er Jahre bestand. Seit den 1970er Jahren beherbergt das Gebäude das Innkaufhaus.

Ignatz Friedlhuber hat die Brauerei im Gegensatz zu seinen Vorgängern immerhin über 30 Jahre lang betrieben. Offenbar machte er nicht nur Weißbier, sondern auch Limonaden. Aus dem Eintrag in das „Adressbuch für die gesamte Brau-Industrie Europas“ von 1914 geht hervor (siehe unten), dass Friedlhuber auch untergärig gebraut haben muss, also nicht nur Weißbier hergestellt hat. Der Strategie, nicht nur von einem Produkt abhängig zu sein, mag es zu verdanken sein, dass er so lange am Markt bestehen konnte.

Auszug aus dem „Adressbuch für die gesamte Brau-Industrie Europas“ von 1914. „u“ und „o“ stehen für Unter- bzw. Obergärung.

  1. Weißbierbrauerei Longinus Bergbauer – 1881, 18. 01. (WA): Eröffnung der Weißbierbrauerei des Longinus Bergbauer. War vermutlich am heutigen Aiblingerplatz, früher ‚am Gries‘. (Quelle: WA Nr. 4 von 1881) – 1883, 08. 04. (WA): L. Bergbauer Weißbierbrauerei wird erwähnt: „sehr gutes Weißbier“. (Quelle: WA Nr. 27/28 von 1883) – 1884, 26. 10. (WA): Thomas Zahlheimer pachtet Bergbauer’sche Weißbierbrauerei (Einstandsfeier). (Quelle: WA Nr. 86 von 1884) – 1885, 29. 08. (WA): Longinus Bergbauer, Hausbesitzer und Taglöhner wurde mit Familie am 26. 08. 1885 wegen Verdachts der Brandstiftung (Stadtbrand von 1885) verhaftet. (Quelle: WA Nr. 69 von 1885) – 1885, 27. 09. (WA): Versteigerungsbekanntmachung von Haus Nr. 284 1/3, Besitzer ist Longinus Bergbauer. (Quelle: WA vom 27. 09. 1885) – 1885, 06. 11. (WA): Winkler Stiftung erwirbt das Haus – 1885, 18. 11. (WA): Familie Bergbauer wegen Verdachts der Brandstiftung wurde freigelassen. Aus anderen Berichten ist mir bekannt, dass der Stadtbrand von 1885 im ehemaligen Kasernengebäude (heute Polizeistation) bei Fasspich-arbeiten ausgebrochen sein soll.
  2. Weißbierbrauerei Jakob Kellner und Andreas Streimer im Wasserburger Anzeiger von 1885 wird in einem Inserat die Neueröffnung der „Weißbierbrauerei am Gries“ von Jakob Kellner und Andreas Streimer erwähnt. Danach hört man nichts mehr davon. Vielleicht ist diese Brauerei ein Nachfolgebetrieb der Bergbauer’schen Brauerei in Haus Nr. 284 1/3. Sie hat wahrscheinlich nur wenige Monate bestanden.

5. Schlußbemerkung

Die Geschichte der Weissbierbrauereien in Wasserburg ist keine Große. Sie ist gezeichnet von häufigem Besitzerwechsel, was vermuten läßt, dass die Weißbierbrauerei damals kein sehr einträgliches Geschäft gewesen sein kann, aber sie läßt auch erkennen, dass ein gewisser Pioniergeist geherrscht haben muss und sich viele Brauer mit Begeisterung in das Abenteuer gestürzt haben.

Abschließend möchte ich bitten, wenn jemand etwas über die Geschichte dieser Brauereien weiß, oder Dokumente und vielleicht sogar Bilder davon hat, mir dies für meine Brauereiforschung mitzuteilen.

Quellenangaben: Foto der Weißbierbrauerei Ignatz Friedlhuber: Postkarte aus dem Stadtarchiv Wasserburg.

Auszug aus dem „Adressbuch für die gesamte Brauindustie Europas“, Ausgabe 1914

Wasserburger Anzeiger, verschiedene Ausgabedaten

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